Chronik der Diskriminierung gegen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland

Tu Oanh Nguyen, Bao Ngoc Tran, Phu Nhat Trinh Pham

Wir sind Tu, Ngoc und Trinh - internationale Studenten im dritten Studienjahr an der HAW Hamburg. Unsere Datenstory untersucht die historische und gegenwärtige Entwicklung von Diskriminierung gegen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland und setzt politische Fortschritte in Beziehung zur gesellschaftlichen Realität.

Kontext und Problemstellung

Themenfindung

Ein Teil unserer Motivation ergibt sich aus einem persönlichen Bezug zum Thema. Alle drei Mitglieder des Projektteams sind internationale Studierende in Deutschland und haben im Alltag selbst Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht. Diese persönlichen Erlebnisse waren jedoch nicht Ausgangspunkt einer subjektiven Darstellung, sondern Anlass, sich analytisch mit dem Thema Diskriminierung auseinanderzusetzen. Laut dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ geben 54 % der befragten Menschen an, dass es weiterhin Rassismus in Deutschland gibt. Vor diesem Hintergrund entstand die Datenstory mit dem Ziel, das Bewusstsein für die fortbestehende Diskriminierung gegen Menschen mit Migrationshintergrund zu schärfen.

Die Datenstory richtet sich bewusst an die breite Öffentlichkeit mit Interesse an Migration und Gesellschaft. Darüber hinaus spricht sie Studierende und Lehrende aus den Bereichen Medien-, Politik- und Sozialwissenschaften an

Storystruktur

Unsere Visual Data Story folgt teilweise dem Diamant Storytelling Modell. Sie beginnt mit einem konkreten historischen Einzelfall (Rostock-Lichtenhagen 1992) als Einstieg. Anschließend zoomt die Erzählung heraus, um den Fall in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einzuordnen und politische sowie rechtliche Veränderungen seit 1992 sichtbar zu machen. Am Wendepunkt der Geschichte steht eine offene Frage: Wenn sich Gesetze und politische Rahmenbedingungen verbessert haben, hat sich dann auch die Haltung und der Alltag der Menschen verändert? In der zweiten Hälfte der Erzählung verengt sich der Fokus erneut. Anhand aktueller Daten zu Benachteiligungen in der Jobsuche und Wohnungsuche wird deutlich, dass rechtlicher Fortschritt nicht automatisch zu einem Abbau von Diskriminierung im Alltag führt. Zum Schluss kehrt die Geschichte konzeptionell zu Rostock zurück: nicht als historischer Ausnahmefall, sondern als Ausgangspunkt einer Entwicklung, in der sich Diskriminierung weniger offen, aber weiterhin wirksam zeigt.

Methodik Bezug

Methodisch folgten wir dem im Seminar vorgestellten Workflow eines Information Design Projekts (nach Koponen & Hildén 2019).

In der ersten Phase (Define & Find) formulierten wir Zielsetzung, Zielgruppe und Fragestellung der Story und recherchierten geeignete Datenquellen, unter anderem zu fremdenfeindlichen Straftaten, dem Migrant Integration Policy Index (MIPEX) sowie Daten über alltäglicher Rassismus. In der anschließenden Phase (Explore & Organize) erkundeten wir die Datensätze, verglichen Zeitverläufe und filterten relevante Variablen, um das zu beweisen, was wir in der Geschichte erwähnt haben.

Dann kommt der Schritt: Sketch & Experiment. Nachdem wir besprochen hatten, welche Daten wir für die Geschichte verwenden sollten, haben wir uns gegenseitig die Aufgabe übertragen, für jede Datenquelle 2 bis 3 Versionen zu skizzieren. Wir haben versucht, so viele verschiedene Diagramme wie möglich zu verwenden, aber letztendlich haben wir uns für das am besten geeignete Diagramm entschieden, je nachdem, ob die Botschaft beim Betrachten klar vermittelt wurde. Daher wird das Balkendiagramm am meisten verwendet. Die drei Werkzeuge, die wir zur Visualisierung von Daten benutzen, sind Datawrapper, Flourish und VizHub. Bei der Gestaltung der Visualisierungen orientierten wir uns an den Data Visualization Checklist (nach Stephanie Evergreen & Ann K. Emery). Wir haben das Diagramm so angepasst, dass es möglichst vielen Kriterien entspricht.

Exploration und Konzeption

Datenquelle

Unsere Datenbasis kombiniert offizielle Statistiken, wissenschaftliche Studien und journalistische Recherchen. Für den Einstieg mit Rostock 1992 haben wir Daten aus dem Artikel von NDR gesammelt. Die dort genannten Zahlen zu Beteiligten und Betroffenen wurden extrahiert und für eine Infografik aufbereitet Die Zahlen zu fremdenfeindlichen Straftaten für das Jahr 1992 stammen aus dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Sie dokumentieren gemeldete Straftaten wie Brandanschläge oder Körperverletzungen. Die Daten zum Migrant Integration Policy Index (MIPEX) stammen von der offiziellen MIPEX-Webseite. Bei den Zahlen zu fremdenfeindlichen Straftaten benutzen wir die Daten des Bundesinnenministeriums, die aus drei verschiedenen Berichten für unterschiedliche Jahre stammen. Die Daten zur alltäglichen Diskriminierung stammen aus Veröffentlichungen der Bertelsmann Stiftung, der University of Siegen – School of Economic Disciplines sowie des Statistischen Bundesamtes (Destatis).

Bei der Arbeit mit den Daten war es uns wichtig, die Herkunft der Daten kritisch zu prüfen. Wenn wir Datensätze oder Zahlen auf Webseiten gefunden haben, haben wir überprüft, ob es sich dabei um die ursprüngliche Quelle handelt oder ob die Daten lediglich von anderen Institutionen übernommen wurden. Anschließend haben wir gezielt jene Daten ausgewählt, die für die erzählte Geschichte relevant sind, und reduziert sie auf zentrale Informationen. Die ausgewählten Daten wurden in Excel zusammengeführt und in Datawrapper, Flourish und VizHub visualisiert.

Frühe Entwürfe

Design

Farbencode

Die Farbpalette orientiert sich an der Sonnenblume, die als Symbol für Hoffnung, Positivität und Entwicklung gelesen wird. Gleichzeitig setzt die Farbe Rot einen bewussten Kontrast: Sie markiert Gewalt, Hass und Diskriminierung und macht diese sichtbar. Dennoch bleibt die Sonnenblume präsent und steht weiterhin aufrecht. Darüber hinaus verweist die Sonnenblume auf ein konkretes historisches Symbol aus Rostock-Lichtenhagen 1992. Auf diese Weise verbindet die Farbwahl Vergangenheit und Gegenwart und schafft einen visuellen Rahmen für die Datenstory.

Fig. 2 Die Farben sind von den Sonnenblumenmotiven des Sonnenblumenhauses inspiriert.

Interaktionskonzept

Die Interaktionen innerhalb der Datenstory unterstützen das Verständnis der Inhalte und regen zum aktiven Mitdenken an. In den Diagrammen können Nutzer:innen mit der Maus über einzelne Datenpunkte fahren. Dadurch erscheinen hervorgehobene Werte sowie kurze Zusatzinformationen. So bleiben die Grafiken übersichtlich, während Details dennoch zugänglich sind. Zusätzlich integriert die Story eine Schätzfrage. Nutzer:innen sollen einschätzen, ob fremdenfeindliche Straftaten im Zeitverlauf zu- oder abgenommen haben. Anschließend vergleicht die Visualisierung diese Einschätzung mit den tatsächlichen Daten, bevor die Story durch Scrollen fortgesetzt wird. Ziel dieses Vorgehens ist es, dass Nutzer:innen zunächst ihre eigene Erwartung formulieren („subjektive Wahrnehmung“) und erst danach mit den Daten konfrontiert werden. Die entstehende Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität lenkt die Aufmerksamkeit auf die zentrale Aussage: Politischer Fortschritt steht steigenden Straftaten gegenüber. Die Visualisierung greift diesen Moment beim weiteren Lesen erneut auf.

Kreisvisualisierung „Fremdenfeindliche Straftaten 1992“

Die Kreisvisualisierung vermittelt Anzahl der fremdenfeindlichen Straftaten im Jahr 1992 in Deutschland. Gleichzeitig dient sie als Übergang vom Einzelfall Rostock zur strukturellen Ebene.

Herausforderungen und Iterationen